VSME vs. ESRS: Zwischen Vereinfachung und Regulierung

Im Fokus stehen die Unterschiede zwischen ESRS und VSME sowie deren Bedeutung für Unternehmen, die je nach Größe einen geeigneten Zugang zur ESG-Berichterstattung suchen.

Beitrag von Julia Haupt —

Mit der zunehmenden Bedeutung von Nachhaltigkeit in der Unternehmenssteuerung rückt auch die Berichterstattung über ESG-Themen (Environmental, Social, Governance) stärker in den Fokus. In Europa stehen Unternehmen dabei vor zwei zentralen Rahmenwerken: den umfassenden ESRS (European Sustainability Reporting Standards) im Kontext der CSRD sowie dem neuen, deutlich schlankeren VSME-Standard für kleine und mittlere Unternehmen. Doch worin unterscheiden sich diese Ansätze konkret und welche Implikationen ergeben sich daraus für die Praxis?

Ein zentraler Unterschied liegt in der Zielgruppe. Während sich die ESRS an große, berichtspflichtige Unternehmen typischerweise mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden und einem Umsatz von über 450 Millionen Euro richten, adressiert der VSME-Standard bewusst kleinere, nicht börsennotierte KMU mit weniger als 250 Mitarbeitenden. Damit verfolgt der VSME-Ansatz das Ziel, auch kleineren Unternehmen einen strukturierten Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung zu ermöglichen, ohne sie mit übermäßiger Komplexität zu überfordern.

Diese unterschiedliche Zielsetzung spiegelt sich unmittelbar im Umfang und in der Struktur der Standards wider. Die ESRS umfassen mehr als 500 Seiten und enthalten über 1.000 Datenpunkte. Hierbei handelt es sich um ein hochdetailliertes, technisch anspruchsvolles Regelwerk mit zahlreichen Querverweisen. Demgegenüber steht der VSME mit rund 70 Seiten und etwa 100 Datenpunkten für einen deutlich pragmatischeren Ansatz. Die Sprache ist einfacher gehalten, die Struktur klarer, und ergänzende Anwendungshilfen erleichtern die Umsetzung.

Auch bei der Datenerhebung gehen beide Standards unterschiedliche Wege. Die ESRS folgen einem systematischen Top-down-Ansatz, der eine umfassende Integration in bestehende Governance-, Risiko- und Berichtssysteme erfordert. Der VSME hingegen setzt stärker auf marktbasierte Fragebögen und ermöglicht einen modularen Einstieg. Unternehmen können zunächst ein Basismodul anwenden und bei Bedarf ein umfassenderes Modul ergänzen.

Ein besonders wesentlicher Unterschied betrifft das Konzept der Wesentlichkeit. Während die ESRS zwingend eine doppelte Wesentlichkeitsanalyse verlangen, sowohl die Auswirkungen des Unternehmens auf Umwelt und Gesellschaft (Impact Materiality) als auch die finanziellen Risiken und Chancen (Financial Materiality) berücksichtigen, verzichtet der VSME auf diese komplexe Anforderung. Dies reduziert den methodischen Aufwand erheblich, geht jedoch auch mit einer geringeren Tiefe der Analyse einher.

Auch regulatorisch trennen sich die Wege deutlich: Die Anwendung der ESRS ist für berichtspflichtige Unternehmen im Rahmen der CSRD verpflichtend. Der VSME hingegen ist freiwillig und kein delegierter Rechtsakt. Dennoch gewinnt er in der Praxis an Bedeutung, insbesondere im Austausch mit Banken, Investoren und Geschäftspartnern, die zunehmend ESG-Informationen auch von kleineren Unternehmen erwarten.

Ein weiterer entscheidender Aspekt ist die Prüfungspflicht. Für ESRS-Berichte ist eine gesetzlich vorgeschriebene, zumindest begrenzte Prüfung vorgesehen, typischerweise durch Wirtschaftsprüfer nach anerkannten Prüfungsstandards. Beim VSME besteht hingegen keine gesetzliche Pflicht zur Prüfung. Dennoch kann eine freiwillige Prüfung erhebliche Vorteile bieten: Sie erhöht die Verlässlichkeit der Angaben, verbessert die Vergleichbarkeit und stärkt das Vertrauen externer Stakeholder.

Gerade für Banken, Investoren und Kunden gewinnen geprüfte Nachhaltigkeitsinformationen zunehmend an Relevanz. In diesem Kontext könnte sich die freiwillige Prüfung von VSME-Berichten perspektivisch als eigenständiges Geschäftsfeld für Wirtschaftsprüfer etablieren. Allerdings ist diese Tätigkeit momentan noch eher als Nischenmarkt zu betrachten.

Auch bei den eingesetzten Tools zeigen sich Unterschiede: Während im VSME-Umfeld häufig einfache Excel-Templates oder Online-Konverter ausreichen, setzen ESRS-Anwender in der Regel auf spezialisierte ESG-Softwarelösungen und Cloudplattformen, um die Komplexität der Anforderungen zu bewältigen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der VSME-Standard bietet einen niedrigschwelligen Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung und ist insbesondere für KMU ein praktikables Instrument. Die ESRS hingegen stellen ein umfassendes, regulatorisch verbindliches Rahmenwerk dar, das vor allem für große Unternehmen relevant ist. Beide Ansätze verfolgen unterschiedliche Ziele und ergänzen sich damit im europäischen Nachhaltigkeitsökosystem sinnvoll.

Julia Haupt

ESG-Auditor*in, Revisionsassistent*in

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